Dantons Tod (2 of 28)
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Erster Akt Erste Szene (Fortsetzung)
(Camille Desmoulins und Philippeau treten ein.)
Herault. Philippeau, welch truebe Augen! Hast du dir ein Loch in die rote Muetze gerissen? Hat der heilige Jakob ein boeses Gesicht gemacht? Hat es waehrend des Guillotinierens geregnet? Oder hast du einen schlechten Platz bekommen und nichts sehen koennen?
Camille. Du parodierst den Sokrates. Weisst du auch, was der Goettliche den Alcibiades fragte, als er ihn eines Tages finster und niedergeschlagen fand: "Hast du deinen Schild auf dem Schlachtfeld verloren? Bist du im Wettlauf oder im Schwertkampf besiegt worden? Hat ein andrer besser gesungen oder besser die Zither geschlagen?" Welche klassischen Republikaner! Nimm einmal unsere Guillotinenromantik dagegen!
Philippeau. Heute sind wieder zwanzig Opfer gefallen. Wir waren im Irrtum, man hat die Hebertisten nur aufs Schafott geschickt, weil sie nicht systematisch genug verfuhren, vielleicht auch, weil die Dezemvirn sich verloren glaubten, wenn es nur eine Woche Maenner gegeben haette, die man mehr fuerchtete als sie.
Herault. Sie moechten uns zu Antediluvianern machen. St. Just saeh' es nicht ungern, wenn wir wieder auf allen vieren kroechen, damit uns der Advokat von Arras nach der Mechanik des Genfer Uhrmachers Fallhuetchen, Schulbaenke und einen Herrgott erfaende.
Philippeau. Sie wuerden sich nicht scheuen, zu dem Behuf an Marats Rechnung noch einige Nullen zu haengen. Wie lange sollen wir noch schmutzig und blutig sein wie neugeborne Kinder, Saerge zur Wiege haben und mit Koepfen spielen? Wir muessen vorwaerts: der Gnadenausschuss muss durchgesetzt, die ausgestossnen Deputierten muessen wieder aufgenommen werden!
Herault. Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation gelangt. - Die Revolution muss aufhoeren, und die Republik muss anfangen. - In unsern Staatsgrundsaetzen muss das Recht an die Stelle der Pflicht, das Wohlbefinden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe treten. Jeder muss sich geltend machen und seine Natur durchsetzen koennen. Er mag nun vernuenftig oder unvernuenftig, gebildet oder ungebildet, gut oder boese sein, das geht den Staat nichts an. Wir alle sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine eigentuemliche Narrheit aufzudraengen. - Jeder muss in seiner Art geniessen koennen, jedoch so, dass keiner auf Unkosten eines andern geniessen oder ihn in seinem eigentuemlichen Genuss stoeren darf.
Camille. Die Staatsform muss ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. Jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen muss sich darin abdruecken. Die Gestalt mag nun schoen oder haesslich sein, sie hat einmal das Recht, zu sein, wie sie ist; wir sind nicht berechtigt, ihr ein Roecklein nach Belieben zuzuschneiden. - Wir werden den Leuten, welche ueber die nackten Schultern der allerliebsten Suenderin Frankreich den Nonnenschleier werfen wollen, auf die Finger schlagen. - Wir wollen nackte Goetter, Bacchantinnen, olympische Spiele, und von melodischen Lippen: ach, die gliederloesende, boese Liebe! - Wir wollen den Roemern nicht verwehren, sich in die Ecke zu setzen und Rueben zu kochen, aber sie sollen uns keine Gladiatorspiele mehr geben wollen. - Der goettliche Epikur und die Venus mit dem schoenen Hintern muessen statt der Heiligen Marat und Chalier die Tuersteher der Republik werden.
- Danton, du wirst den Angriff im Konvent machen!
Danton. Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben! sagen die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen sein. Nicht wahr, mein Junge?
Camille. Was soll das hier? Das versteht sich von selbst.
Danton. Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schoenen Dinge ins Werk setzen?
Philippeau. Wir und die ehrlichen Leute.
Danton. Das "und" dazwischen ist ein langes Wort, es haelt uns ein wenig weit auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem, eh' wir zusammenkommen. Und wenn auch! - den ehrlichen Leuten kann man Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Toechter an sie verheiraten, aber das ist alles!
Camille. Wenn du das weisst, warum hast du den Kampf begonnen?
Danton. Die Leute waren mir zuwider. Ich konnte dergleichen gespreizte Katonen nie ansehn, ohne ihnen einen Tritt zu geben. Mein Naturell ist einmal so. (Er erhebt sich.)
Julie. Du gehst?
Danton (zu Julie). Ich muss fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf. - (Im Hinausgehn:) Zwischen Tuer und Angel will ich euch prophezeien: die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glueht, wir alle koennen uns noch die Finger dabei verbrennen. (Ab.)
Camille. Lasst ihn! Glaubt ihr, er koenne die Finger davon lassen, wenn es zum Handeln koemmt?
Herault. Ja, aber bloss zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt.
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Dantons Tod
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