Das Goldene Vliess (3 of 56)
Der Gastfreund (Fortsetzung)Ich will dein lachen du schwacher Tor! Du aber Medea, sei mir gewärtig! Einen Trank, ich weiß es, bereitest du Der mit sanfter, schmeichelnder Betäubung Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs. Geh hin und hole mir von jenem Trank!
Medea. Wozu?
Aietes. Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir! Dann komm zurück. Ich will sie zähmen diese Stolzen!
(Medea ab.)
Aietes
(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).) Peronto, meiner Väter Gott! Laß gelingen, was ich sinne Und teilen will ich, treu und redlich Was wir gewinnen von unsern Feinden. (Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grünen Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand gleichfalls einen grünen Zweig, in der Rechten ein goldenes Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.) Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik schweigt.) (Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der darauf stehenden Bildsäule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen gefesselt stehn, dann spricht er:)
Phryxus. Kann ich den Augen traun?--Er ist's, er ist's! Sei mir gegrüßt, du freundliche Gestalt, Die mich durch Wogensturm und Unglücksnacht Hierher geführt an diese ferne Küste, Wo Sicherheit und einfach stille Ruh Mit Kindesblicken mir entgegen lächeln. Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung In jener unheilvollen Stunde gabst Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend, Mich in den Hafen eingeführt des Glücks, Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar Und beuge betend dir ein frommes Knie, Der du ein Gott mir warest in der Tat Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht!
(Er knieet.)
Aietes (im Vorgrunde). Was ist das? Er beugt sein Knie dem Gott meiner Väter! Denk' der Opfer, die ich dir gebracht, Hör' ihn nicht Peronto, Höre den Fremden nicht!
Phryxus (aufstehend). Erfüllet ist des Dankens süße Pflicht. Nun führt zu eurem König mich! Wo weilt er?
(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem Wege.)
Phryxus (erblickt den König, auf ihn zugehend). In dir grüß' ich den Herrn wohl dieses Landes?
Aietes. Ich bin der Kolcher Fürst!
Phryxus. Sei mir gegrüßt! Es führte Göttermacht mich in dein Reich, So ehr' in mir den Gott, der mich beschützt. Der Mann, der dort auf jenem Altar thront, ist er das Bildnis eines der da lebte? Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen?
Aietes. Es ist Peronto, der Kolcher Gott.
Phryxus. Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden, Wohltönend aber dem Geretteten. Verehrst du jenen dort als deinen Schützer So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm, Denn (Brüder) sind ja Eines Vaters Söhne.
Aietes (der Umarmung ausweichend). Schützer er dir?
Phryxus. Ja, du sollst noch hören. Doch laß mich bringen erst mein Weihgeschenk.
(Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden.)
Medea (kommt mit einem Becher.)
Medea (laut). Hier Vater ist der Trank!
Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise). Schweig Törichte! Siehst du denn nicht?
Medea. Was?
Aietes. Den Becher gib der Sklavin Und schweig!
Medea. Wer ist der Mann?
Aietes. Der Fremden Führer, schweig!
Phryxus (vom Altare zurückkommend). Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus! Doch wer ist dieses blühend holde Wesen, Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt? Die roten Lippen und der Wange Licht Sie scheinen Huld und Liebe zu verheißen, Streng widersprochen von dem finstern Aug, Das blitzend wie ein drohender Komet Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel. Halb Charis steht sie da und halb Mänade, Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut. Wer bist du, holdes Mädchen?
Aietes. Sprich Medea!
Medea (trocken). Medea bin ich, dieses Königs Kind!
Phryxus. Fürwahr ein Kind und eine Königin! Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung Für eine Zukunft, die uns noch verhüllt. O lächle Mädchenbild auf meinen Eintritt! Vielleicht, wer weiß, ob nicht dein Vater, Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt, Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea!
Aietes. Was also, Fremdling, ist dein Begehr?
Phryxus. So höre denn was mich hierher geführt, Was ich verloren, Herr, und was ich suche. Geboren bin ich in dem schönen Hellas, Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts. Es lebet niemand, der sich höhrer Abkunft, Sich edlern Stammes rühmen kann als ich, Denn Hellas' Götter nenn' ich meine Väter Und meines Hauses Ahn regiert die Welt.
Medea (sich abwendend). Ich gehe Vater um--
Aietes. Bleib hier und schweig!
Das Goldene Vliess
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