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Die Juedin von Toledo (2 of 23)


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Erster Aufzug (Fortsetzung)

(Der Koenig, die Koenigin, Manrique de Lara und Gefolge kommen.)

Koenig (im Auftreten). Lasst naeher nur das Volk! Es stoert mich nicht; Denn wer mich einen Koenig nennt, bezeichnet Als Hoechsten unter vielen mich, und Menschen Sind so ein Teil von meinem eignen Selbst. (Zur Koenigin gewendet.) Und du, kein mindrer Teil von meinem Wesen, Willkommen mir in dieser treuen Stadt, Willkommen in Toledos alten Mauern. Sieh rings um dich, und hoeher poch dein Herz, Denk nur, du stehst an meines Geistes Wiege: Hier ist kein Platz, kein Haus, kein Stein, kein Baum, Der Denkmal nicht von meiner Kindheit Lose.
Als ich vor meines boesen Oheims Wueten, Des Koenigs von Leon, ein vaterloser, Der Mutter frueher schon beraubten Knabe, Durch Feindes Land, es war mein eignes, floh, Und mich von Stadt zu Stadt Kastiliens Buerger Wie Hehler eines Diebstahls heimlich fuehrten Weil Tod bedraeute Wirt zugleich und Gast, Und uebrall nun umstellt war meine Spur, Da brachten mich die Maenner, Don Estevan Illan, den laengst der Rasen birgt des kuehlen Grabs, Und dieser Mann, Manrique Graf von Lara, Hierher, den Hauptsitz von der Feinde Macht Und bargen mich im Turm von Sankt Roman, Den du dort siehst hoch ob den Haeusern ragen. Dort lag ich still, sie aber streuten aus Den Samen des Geruechts ins Ohr der Buerger. Und als am Tage Himmelfahrt die Menge Versammelt war vor jenes Tempels Pforte Da fuehrten sie mich auf des Turmes Erker Und zeigten mich dem Volk und schrien hinab: Hier mitten unter euch, hier euer Koenig, Der Erbe alter Fuersten, ihres Rechts Und eurer Rechte williger Beschirmer.
Ich war ein Kind und weinte, sagten sie. Noch aber hoer ich ihn, den gellen Aufschrei, Ein einzig Wort aus tausend baert'gen Kehlen, Und tausend Schwerter wie in einer Hand, Der Hand des Volks. Gott aber gab den Sieg, Die Leoneser flohn; und fort und fort. Ich selber Fahne mehr als Krieger noch Inmitten eines Heers, durchzog das Land Erfechtend mit des Mundes Laecheln Siege; Sie aber lehrten mich und pflegten mein, Und Muttermilch floss mir aus ihren Wunden. Deshalb, wenn andre Fuersten Vaeter heissen Des eignen Volks, nenn ich mich seinen Sohn, Denn was ich bin, verdank ich ihrer Treue.

Manrique. Wenn alles, was Ihr seid, vieledler Herr, Nur unsres Beispiels, unsrer Worte Frucht, Dann nehmen wir den Dank und sind des froh, Wenn unsre Lehren, unsre Pflege sich In so viel Ruhm, in so viel Taten spiegeln, Dann ist der Dank so ein' als andre Pflicht. (Zur Koenigin.) Seht ihn nur an mit Eurem holden Blick; Denn so viel Koen'ge noch in Spanien waren, Vergleicht sich keiner ihm an hohem Sinn. Das Alter ist wohl tadelsuechtig sonst, Auch ich bin alt und tadle gern und viel, Und oft hab ich, im Rat mit meiner Meinung Besiegt von seinem fuerstlich hohen Wort, Geheim erbost--heisst das, auf kurze Zeit-- Boes Zeugnis aufgesucht gen meinen Herrn, Ihn eines Fehls, weiss Gott wie gerne, zeihend, Doch immer kehrt' ich tief beschaemt zurueck, Mir blieb der Neid, und er war fleckenlos.

Koenig. Ei, ei! Der Lehrer auch ein Schmeichler, Lara? Doch wollen wir nicht dies und das bestreiten. Bin ich nicht schlimm, so besser denn fuer Euch, Obgleich der Mensch, der wirklich ohne Fehler, Auch ohne Vorzug waere, fuercht ich fast; Denn wie der Baum mit lichtentfernten Wurzeln Die etwa truebe Nahrung saugt tief aus dem Boden, So scheint der Stamm, der Weisheit wird genannt Und der dem Himmel eignet mit den Aesten, Kraft und Bestehn aus truebem Irdischen, Dem Fehler nah Verwandten aufzusaugen. War einer je gerecht, der niemals hart? Und der da mild, ist selten ohne Schwaeche. Der Tapfre wird zum Waghals in der Schlacht Besiegter Fehl ist all des Menschen Tugend, Und wo kein Kampf, da ist auch keine Macht. Mir selber liess man nicht zu fehlen Zeit: Als Knabe schon den Helm auf schwachem Haupt, Als Juengling mit der Lanze hoch zu Ross, Das Aug' gekehrt auf eines Gegners Draeun, Blieb mir kein Blick fuer dieses Lebens Gueter, Und was da reizt und lockt, lag fern und fremd.
Dass Weiber es auch gibt, erfuhr ich erst, Als man mein Weib mir in der Kirche traute, Die wirklich ohne Fehl, wenn irgend jemand, Und die ich, grad heraus, noch waermer liebte, Waer' manchmal, statt des Lobs, auch etwas zu verzeihn. (Zur Koenigin.) Nu, nu, erschrick nur nicht, war's doch nur Scherz! Doch soll den Tag man nicht vor Abend loben Und malen nicht den Teufel an die Wand.

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