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Des Meeres und der Liebe Wellen (2 of 26)

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Erster Aufzug (Fortsetzung)

(Der Priester, von dem Tempelhüter begleitet, ist von der rechten Seite her aufgetreten.)

Hero (ihm entgegen). O wohl mir, daß du kömmst, mein edler Ohm. Dein Kind war im Begriff zu zürnen, heut, Am Morgen dieses feierlichen Tags, Der sie auf immer--O verzeih, mein Ohm!

Priester. Was aber war der heißen Regung Grund?

Hero. Die argen Worte dieser Leichtgesinnten; Der frevle Hohn, der was er selbst nicht achtet, So gern als unwert aller Achtung malte. O daß die Weisheit halb so eifrig wäre Nach Schülern und Bekehrten, als der Spott!

Priester. Und welche war's, die vor den andern kühn, Die Sitte unsers Hauses so verletzt?

Hero (nach einer Pause). Genau besehn, will ich sie dir nicht nennen, Ob ihr die Rüge gleich gar wohl verdient. Schilt sie nur alle, Herr, und heiß sie gehn, Die Schuld'ge nimmt sich selbst wohl ihren Teil.

(Zum Tempelhüter.)

Du aber sieh zum äußern Gittertor, Damit nicht Fremde--

Priester. Hätte denn--?

Hero. Ich bitte!

Priester. So geh!--Und ihr! und meidet zu begegnen Dem Zorne, der sein Recht und seine Mittel kennt.

(Der Tempelhüter nach der linken, die Mädchen nach der rechten Seite ab.)

Hero. Nun ist mir leicht! Ich könnte sie bedauern, Wenn ihre Torheit an sich selber zehrte, Nicht um Genossen würb' und Billigung.

Priester. Sosehr mich freut, daß du den Schwarm vermeidest, Und aus der Menge nicht die Freundin wählst, So sehr befremdet mich, ja ich beklag es, Daß dich zu keiner unter deinesgleichen Des Herzens Zug, ein still Bedürfnis führte. Ein einsam Leben harrt der Priesterin, Zu zweien trägt und wirkt sich's noch so leicht.

Hero. Ich kann nicht finden, daß Gesellschaft fördert; Was einem obliegt muß man selber tun. Dann, nennst du einsam einer Priestrin Leben? Wann war es einsam hier im Tempel je? Vom frühen Morgen drängt die laute Menge, Aus Ost und Westen strömt herbei das Volk. Von Weihgeschenken und von Opfergaben, Von Festeszügen, fremden Beterscharen War nimmer dieses Hauses Schwelle leer. Dann fehlt's ja nicht an mancherlei zu tun: Der Wasserkrug, der Opferherd, die Kränze, Und Säul' und Sockel, Estrich und Altar Zu reinigen, zu schmücken, zu bewahren. Wo bliebe da zum Schwätzen wohl die Zeit, Zum Kosen mit der Freundin, wie du meinst.

Priester. Du hast mich nicht gefaßt.

Hero. Wohl denn, es sei! Was man nicht faßt, erregt auch kein Verlangen. Laß mich so wie ich bin, ich bin es gern.

Priester. Doch kommt die Zeit und ändert Wunsch und Neigung.

Hero. Man klagt ja täglich, daß der Unverständ'ge Beharrt und bleibt, man tadl' ihn wie man will; Weshalb nun den Verständ'gen unverständ'ger Und unbeständ'ger glauben als den Tor? Ich weiß ja was ich will und was wir wählten, Wenn wählen heißen kann, wo keine Wahl. Vielmehr ein glücklich Ungefähr hat mich Nur halb bewußt an diesen Ort gebracht, Wo--wie der Mensch, der müd' am Sommerabend Vom Ufer steigt ins weiche Wellenbad, Und, von dem lauen Strome rings umfangen, In gleiche Wärme seine Glieder breitet, So daß er, prüfend, kaum vermag zu sagen: Hier fühl ich mich und hier fühl ich ein Fremdes-- Mein Wesen sich hindangibt und besitzt. Aus langer Kindheit träumerischem Staunen Bin hier ich zum Bewußtsein erst erwacht; Im Tempel, an der Göttin Fußgestelle Ward mir ein Dasein erst, ein Ziel, ein Zweck.
Wer, wenn er mühsam nur das Land gewonnen, Sehnt sich ins Meer zurück, wo's wüst und schwindelnd? Ja, diese Bilder, diese Säulengänge, Sie sind ein Äußeres mir nicht, ein Totes; Mein Wesen rankt sich auf an diesen Stützen, Getrennt von ihnen, wär' ich tot wie sie.

Priester. Nur hüte dich, daß so beschränktes Streben Ein Billiger nicht möge selbstisch nennen! Es hält der Mensch mit Recht von seinem Wesen Jegliche Störung fern; allein sein Leben, Ablehnend alles andre, nur auf sich, Des eignen Sinns Bewahrung zu beschränken, Scheint widrig, unerlaubt, ja ungeheuer, Und doch auch wieder eng und schwach und klein. Du weißt, es war seit undenkbaren Zeiten Begnadet von den Göttern unser Stamm Mit Priesterehren, Zeichen und Orakeln, Zu sprechen liebten sie durch unsern Mund: Lockt's dich nun nicht zurück es zu gewinnen Das schöne Vorrecht, dir zum höchsten Ruhm Und allem Volk zu segensreichem Frommen? Ich riet dir oft, in still verborgner Nacht Zu nahen unsrer Göttin Heiligtum Und dort zu lauschen auf die leisen Stimmen, Mit denen wohl das Überird'sche spricht.

Hero. Verschiednes geben Götter an Verschiedne; Mich haben sie zur Sehrin nicht bestimmt. Auch ist die Nacht, zu ruhn; der Tag, zu wirken, Ich kann mich freuen nur am Strahl des Lichts.

Priester. Vor allem sollte heut--

Hero. Ich war ja dort, Noch eh' die Sonne kam, in unserm Tempel Und setzte mich bei meiner Göttin Thron Und sann. Doch keine Stimme kam von oben. Da griff ich zu den Blumen, die du siehst, Und wand ihr Kränze meiner hohen Herrin, Erst ihr, dann jenen beiden Himmlischen, Und war vergnügt.

Priester. Und dachtest?

Hero. An mein Werk.

Priester. An andres nicht?

Hero. Was sonst?

Priester. An deine Eltern.

Hero. Was nützt es auch? sie denken nicht an mich.

Priester. Sie denken dein und sehnen sich nach dir.

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